Japanische Touristen mögen die Fahrt mit dem Glacier Express. Das Landwasserviadukt ist besonders berühmt und beliebt und deshalb das Ziel vieler Reisegruppen. Japaner mögen Bahnreisen an sich, sind interessiert an der Technologie (zum Beispiel auch Vereina Tunnel) und natürlich an der Aussicht (die Glacier Express Strecke ist in der Tat sehr malerisch). Entsprechend waren viele Japaner unter den Opfern des Unfalls. Als Schweizer in Japan habe ich den tragischen Unfall des Glacier Express vom 23. Juli 2010 aus japanischer Perspektive mitverfolgen können.
Viele JapanerInnen informieren sich morgens bevor sie zur Arbeit aufbrechen über das Weltgeschehen des vergangenen Tages (der zu dieser Zeit an der amerikanischen Westküste ebenfalls demnächst zur Neige geht). Die Berichterstattung über den Unfall des Glacier Express in einer ebensolchen Morgen-Nachrichtensendung ist im folgenden bildlich dokumentiert. Nebst Berichten über die Bergungsarbeiten und die japanischen Touristen, welche die Bahnfahrt nach dem Unfall trotzdem antreten, wurde auch der Unfallhergang sehr genau untersucht. Die untenstehenden Bilder geben einen Eindruck zur unvergleichlichen Akribie, mit der eine seriöse japanische Nachrichtensendung dem Unfall und dessen Gründen minutenlang detailliert auf die Spur geht.

Schweizer Karte, Glacier Express Strecke

Verunfallter Wagen des Glacier Express






Eine Modell-Eisenbahn mit Wägen des Glacier Express auf präzise nachgebautem Terrain mit Brücke und ein Modell der Achse und der Geleise helfen dem japanischen Zuschauer den Unfallhergang zu verstehen. Verkehrsexperten analysieren die Situation genauestens.
Japanische Reiseveranstalter (im Film erwähnt: ANA und JTB) entschuldigen sich in aller Form und drücken ihr Beileid aus. Eine öffentliche Entschuldigung ist äusserst wichtig und hat (wenn ich das richtig verstanden habe) nicht viel mit einer juristischen Schuldbekennung zu tun. Schindler hatte dies bei einem Unfall vor vier Jahren in Tokyo versäumt und leidet noch immer unter den Folgen (die Firma hat angeblich seit dem Unfall in Japan keinen einzigen Lift verkaufen können). Ob der Betreiber der Bahn oder der Hersteller der Züge, Stadler Rail, mit drastischen Konsequenzen rechnen müssen kann derzeit nicht seriös abgeschätzt werden. Viele japanischen Touristen werden es sich bestimmt zweimal überlegen, ob sie eine Fahrt mit dem Glacier Express buchen möchten; ein Umsatzrückgang bei Glacier Express Reisen ist vorprogrammiert, über die Grössenordnung kann nur spekuliert werden. Stadler Rail verkauft laut eigener Website noch nicht in Asien.
Diejenigen japanischen Touristen, die demnächst eine Fahrt mit dem Glacier Express geplant haben, sind zwar etwas verunsichert, vertrauen jedoch darauf, dass der Glacier Express zur Zeit bestimmt mit höchster Vorsicht verkehrt und steigen trotzdem ein.

In einer engen Kurve kurz vor dem Bahnhof Naka Meguro entgleiste der letzte Wagen eines Zuges der Hibiya Linie und prallte in einen entgegenkommenden Zug derselben Linie. Fünf Menschen kamen ums Leben. Parallelen zum Unfall des Glacier Express werden gezogen, weil ebenfalls bloss die hintersten Wagen entgleisten und weil auf derselben Strecke kurz zuvor mehrere Züge ohne Probleme durchfahren konnte. 40 Minuten vor dem tragischen Unfall des Glacier Express hatte angeblich ein anderer Zug dieselbe Stelle ohne jegliche Zwischenfälle passiert.